“Eine ruhigere Hand bei der Gesetzgebung tut Not”

Seit September 2021 ist Marc André Gimmy Co-Geschäftsführer bei der Sozietät Taylor Wessing. Der unternehmensjurist hat einen gut gelaunten Gesprächspartner angetroffen. Die Leidenschaft für sein Fachgebiet Arbeitsrecht spürt der Zuhörer sofort. Er erfährt auch von der Affinität zum Spanischen. Zu aktuellen Entwicklungen am Rechtsmarkt hat der 56-Jährige eine klare Meinung.
vom 2. Februar 2022
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Herr Gimmy – woher kommt Ihre Faszination für das Arbeitsrecht – noch dazu für das Kollektivarbeitsrecht?

Marc André Gimmy: Das reicht lange zurück – bis zu den Auseinandersetzungen um die 35-Stunden-Woche 1983/84. Ich habe mit Spannung verfolgt, wie soziale Konflikte entstehen, wie sich Interessen bündeln und Lösungsansätze erarbeiten lassen. Das alles funktioniert nur, wenn Menschen vernünftig interagieren. In meinem Fachgebiet ‚menschelt‘ es. Ich bin bis heute leidenschaftlich gerne Arbeitsrechtler, kein Tag ist wie der andere. Und ich könnte ganze Abende mit lustigen und interessanten Geschichten bestreiten.

Und wo kommt die hohe Affinität zum Spanischen her?

Marc André Gimmy: Mein Vater baute damals von Barcelona aus die damals noch so firmierende Deutsche Treuhandgesellschaft in Spanien und Portugal auf. Er, meine Mutter, mein Bruder und unsere beiden Dackel sind dort hingezogen. Es war eine fantastische Zeit, Barcelona war nach Francos Tod voll im Umbruch und die Entwicklung hautnah mitzuerleben, war etwas Besonderes. Vorher durfte ich kein Fernsehen schauen, hier musste ich es zwecks Spracherwerbes (lacht). Auch die Erfahrung, einmal selbst Ausländer zu sein und derart herzlich aufgenommen zu werden, hat mich und meine Einstellung zu diesem Thema enorm geprägt.

Sechs Monate sind Sie jetzt in der Geschäftsleitung einer sehr großen Sozietät. Wo liegen die besonderen Herausforderungen?

Marc André Gimmy: Wir haben allein in Deutschland die Verantwortung für über 1.000 Mitarbeitende. Wir stellen also für sehr viele Menschen mit unserem fünfköpfigen Management-Board die strategischen Weichen und sind für die Umsetzung verantwortlich. Daneben behalten die Co-Geschäftsführer die Leitung ihres Dezernats und sind hier weiterhin operativ tätig. Das miteinander in Einklang zu bringen, ist reizvoll, aber auch herausfordernd.

Wie definieren Sie persönlich Erfolg?

Marc André Gimmy: Erfolg ist kein Selbstzweck. Auf privater Ebene ist Erfolg, dass ich für meine Familie eine gute Lebensgrundlage sicherstelle. Geschäftlich möchte ich unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen einen sicheren Arbeitsplatz gewährleisten. Im Verhältnis zum Mandanten ist es das Ziel, als Vertrauensanwalt wahrgenommen zu werden, der nicht nur eine arbeitsrechtliche Problemstellung löst, sondern als Ratgeber in persönlichen Lagen agiert. Ein Patentrezept gibt es hier nicht. Wichtig ist die Frage, wie man mit den Menschen zurechtkommt, was wiederum von den beteiligten Persönlichkeiten abhängt. Was ich weiß: gemeinsame Erfahrungen prägen: Wer zusammen durch ein Tal geschritten ist und herausfindet, baut eine Bindung auf.

Taylor Wessing ist eine Riesensozietät mit 28 Standorten in 16 Jurisdiktionen weltweit und über 1.200 Rechtsanwälten. Wann sehen Sie ein Ziel erreicht?

Marc André Gimmy: Es gibt Ziele, aber ich würde mich nie ‚am Ziel‘ sehen. Gerade in der Beraterwelt bedeutet das Stillstand und das wäre der erste Schritt rückwärts. Unsere Mandanten entwickeln sich ständig weiter, also machen wir das auch – gerne und aus Überzeugung. Nie am Ziel zu sein heißt, immer neue Dinge entwickeln zu können. Ich denke da insbesondere an die jüngeren Kolleginnen und Kollegen – es gibt so viele Bereiche, die es vor Jahren noch nicht gab.

Daran unmittelbar anschließend: Was können und wollen Sie in den nächsten Jahren mit der Sozietät erreichen?

Marc André Gimmy: Ein großes internes Projekt betrifft die Modernisierung der IT-Landschaft, die Implementierung eines ERPSystems, das uns nicht nur hinsichtlich unseres Beratungsangebotes, sondern auch im Hinblick auf die in technischer Hinsicht gestiegenen Anforderungen unserer Mandanten zukunftsfähig hält. Wir setzen – zur Unterstützung der Kernaufgabe Beratung wohlgemerkt – vermehrt auf Legal Tech, um Prozesse effizienter zu gestalten. Wir arbeiten mit externen Dienstleistern zusammen, bauen aber in einer eigens dafür gegründeten Gesellschaft auch viele eigene Tools. Mit Blick nach Außen genießt der Ausbau der internationalen Aktivitäten hohe Priorität. In Großbritannien, den Niederlanden und in Zentraleuropa sind wir sehr gut aufgestellt. Gerade US-amerikanische Mandanten fragen aber vermehrt nach Präsenz. Darauf werden wir reagieren.

Was sind für Sie die Toptrends am Rechtsmarkt in diesem Jahr?

Marc André Gimmy: Rechtsabteilungen von Unternehmen sehen sich in atemberaubender Geschwindigkeit mit einer Vielzahl von neuen Regelungen konfrontiert. Diese werden die Geschäftsmodelle wesentlich beeinflussen. Zwei aktuelle Beispiele sind die Dekarbonisierung der Wirtschaft und die Lieferketten. Die vorausschauende und interdisziplinäre Gestaltung, gemeinsam mit den Fachabteilungen und externen Anwälten, ist eine wichtige und zukunftsweisende Aufgabe von Rechtsabteilungen. Für uns als Sozietät heißt das, Entwicklungen vorherzusehen und mit diesem Wissen aktiv auf die Mandanten zuzugehen und ein breites, passgenaues Maßnahmenpaket anzubieten.

Last but not least: Wie beurteilen Sie bisher die Arbeit der neuen Bundesregierung – und was wünschen Sie sich?

Marc André Gimmy: Mein ‚Chef‘ ist mit Wolfgang-Hubertus Heil der Gleiche geblieben (lacht). Insofern ändern sich die Projekte nicht. Was ich mir wünsche – übrigens meine Mandanten ebenso – ist die fristgerechte Umsetzung von EU-Richtlinien. Die Diskrepanz zwischen der Mitteilung der EU, was Unternehmen alles beachten sollen – und den Maßnahmen des deutschen Gesetzgebers, der warum auch immer nicht rechtzeitig die Umsetzungsgesetze von Richtlinien bewerkstelligt, nimmt zu. Das führt zu Schwierigkeiten in der praktischen Arbeit. Auf der anderen Seite täte eine etwas ruhigere Hand bei der Gesetzgebung not. Es wäre angenehm, wenn wir weg von der einzelfall- und kasuistischen Gesetzgebung hin zu einer auf Langfristigkeit ausgerichteten kommen würden.

EINBLICKE …

Persönliches

Wenn man Sie nicht am Arbeitsplatz antrifft, wo dann?

Zuhause in der Küche – Kochen ist eine große Leidenschaft von mir. Gerne koche ich spanische Gerichte, ich bin ein Freund der französischen Küche, aber auch bayrische Gerichte kommen bei uns auf den Tisch. Im Übrigen können Sie mich in den Bergen beim Skifahren antreffen – und wenn kein Schnee liegt, dann am besten auf dem Golfplatz mit meinen Kindern. Das ist ein kurzweiliger Sport, bei dem ich hervorragend abschalten kann.

Welche Musik hören Sie gerne?

Ich höre gerne Klaviermusik, mein Lieblingsstück ist das Klavierkonzert Nummer 2 von Rachmaninov. Zurzeit bin ich sehr fasziniert von Hans Zimmer, einem herausragenden Filmmusikkomponisten. Popmusik kann ein angenehmer Begleiter sein.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Ich lese gerne, aber zu wenig, weil ich beruflich schon sehr viel mit Schriftsätzen zu tun habe. Wenn ich die Muße habe, längere Zeit am Stück zu lesen, dann sind es meist spanische Bücher, gerne auch im Original. Aktuell lese ich von Ildefonso Falcones den Roman „Die Erben der Erde“. Wer dieses Buch liest, lernt sehr viel über Barcelona und den Catalanismo.

Was ist ein nahezu perfekter Tag für Sie?

Geschäftlich beinhaltet ein solcher immer noch einen gewonnenen Prozess. Privat genieße ich eine schöne Golfrunde mit meinen Freunden oder meinen Kindern.

MARC ANDRÉ GIMMY

 

Seit September 2021 ist Marc André Gimmy Mitglied der Geschäftsführung von Taylor Wessing Deutschland. Er trat die Nachfolge für einen Kollegen an, der aus persönlichen Gründen aus dem Board ausgeschieden ist. In diesem Jahr finden reguläre Neuwahlen statt. Marc André Gimmy steht auf der insgesamt fünfköpfigen Liste für die Geschäftsführung unter Leitung von Managing Partner Olaf Kranz. Zuvor leitete der 56-Jährige die deutsche Employment, Pensions & Mobility Gruppe und ist weiterhin Co-Head der internationalen Taylor Wessing Employment Group. Des Weiteren verantwortet er den Spanish Desk bei Taylor Wessing. Marc André Gimmy ist seit 2002 Partner bei Taylor Wessing und ist spezialisiert auf die Beratung von nationalen und internationalen Unternehmen unter anderem bei kollektivarbeitsrechtlichen Fragen aus dem Bereich des Tarif- und Betriebsverfassungsrechts sowie bei der Gestaltung und Umsetzung von Restrukturierungsmaßnahmen.

Das Gespräch führte Alexander Pradka

Beitrag von Alexander Pradka

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