„Wir können uns nicht darauf beschränken, allein den gesetzlichen Anforderungen zu genügen.“

Fünf Jahre ist Dr. Nikolai Vokuhl als General Counsel für die HUGO BOSS AG tätig. Er hat die Rechtsabteilung zum Business Enabler umgebaut und sieht aktuell in den vielfältigen ESG-Entwicklungen die größte Herausforderung. Der momentane Fokus des Teams: in einem Megaprojekt einmal alles auf Zukunft ausrichten und damit die „Traceability“-Strategie des Konzerns Legal-seitig unterstützen.
vom 13. März 2024
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In-house Counsel: Welche Themen liegen aktuell beim General Counsel von HUGO BOSS auf dem Schreibtisch?

Nikolai Vokuhl: Im Vordergrund steht aktuell ESG. Hier sehen wir uns mit einer Fülle an Vorschriften konfrontiert. Viele Länder machen sich auf den Weg oder sind bereits auf dem Weg zu einer ESG-Gesetzgebung, HUGO BOSS verkauft weltweit in 132 Ländern und Sie können sich vorstellen, welche Vielzahl an Gesetzen wir beachten müssen. Unter dem Namen „Traceability“ hat unser Unternehmen ein Großprojekt aufgesetzt, mit dem Ziel, die Produktionsabläufe, vom Rohstoff bis hin zum Endprodukt, vollständig zu erfassen und die größtmögliche Transparenz über unsere Lieferanten und Kunden, über die gesamte Wertschöpfungskette zu schaffen. Dieses Bestreben geht über die Lieferkette hinaus: Es gibt Vorgaben, wo wir genau analysieren, an wen geliefert und wie die Produkte verwertet wurden. Insgesamt haben wir 42 internationale Gesetze und Gesetzgebungsvorhaben im Detail analysiert und Informationen zusammengetragen, die wir künftig erheben und verarbeiten müssen.

 

Ist neben diesem Großprojekt überhaupt noch Raum für andere Aufgaben? Die Umsetzung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes wird aber sicher kein Thema mehr sein, oder?

Das ist umgesetzt. Unsere Nachhaltigkeitsverantwortlichen und Nachhaltigkeitskollegen führen bereits seit vielen Jahren einen strukturierten Dialog mit den entsprechenden Stakeholdern und laden einmal im Jahr ein. Da wurden immer schon Anforderungen weitergegeben, und damit hatten wir vieles, was das LkSG einfordert, ohnehin schon etabliert. Natürlich kommt jetzt das große Thema CSDDD hinzu. Ein weiterer Schwerpunkt ist Künstliche Intelligenz und die Nutzung von AI im Konzern, der uns von rechtlicher Seite fordert. Wir müssen auf allen Ebenen bewerten und schauen, wie wir von rechtlicher Seite damit umgehen.

 

Sie haben die vielen Gesetze und Gesetzesinitiativen angesprochen. Wie beurteilen Sie die Arbeit der Gesetzgeber auf europäischer und nationaler Ebene?

Die Ziele der genannten Bereiche unterstützt HUGO BOSS, weil wir selbst dadurch noch viel besser werden. Insofern sind sie ein wichtiger Schritt zum Schutz vor Menschenrechtsverletzungen und zur Sicherstellung eines fairen Wettbewerbs in der EU. Zudem stellen sie auch eine Chance für uns als Unternehmen dar, beispielsweise im Hinblick auf die Digitalisierung der Prozesse.

In einigen Fällen führt jedoch die praktische Umsetzung der vielen neuen Gesetze zunächst zu Herausforderungen, die Mehraufwand mit sich bringen. Einige Beispiele dafür: die zusätzlich erforderliche Berichterstattung und die erhöhten Dokumentationspflichten. Wir benötigen auch zusätzliche interne Ressourcen zur Implementierung und Digitalisierung neuer Prozesse.

 

Die Rolle der Rechtsabteilung und damit des General Counsel hat sich verändert. Sie arbeiten interdisziplinär, sind mittendrin, wenn es um die Weiterentwicklung eines Unternehmens geht. Wie sieht das bei Hugo Boss aus?

Bis auf wenige Ausnahmen wie IP-Recht, Datenschutz und Corporate, die einer Organisation nach materiellrechtlichen Gesichtspunkten unterliegen, orientiert sich die Rechtsabteilung strukturell am Business. Es gibt unterschiedliche Funktionen, die mit den Fachbereichen arbeiten, also etwa dem Global Marketing oder mit dem Vertrieb. Es gibt Beispiele, in denen die Rechtsabteilung sogar als strategischer Partner agiert: HUGO BOSS hat ein Netzwerk an Franchisenehmern, die in Ländern, wo das Unternehmen selbst nicht aktiv ist, tätig sind. Es gab gute Erfahrungen mit Partnern vor Ort, die die Landeskultur kennen. Gemeinsam wurde dann strategisch entschieden, Franchise auch in Ländern zu machen, wo HUGO BOSS bereits selbst aktiv ist, beispielsweise in Deutschland, in kleineren bis mittelgroßen Städten. Dies haben wir als Rechtabteilung zusammen mit einer Sozietät vorangetrieben, die auf Franchise- Verträge spezialisiert ist.

 

Sie haben selbst in einer Kanzlei gearbeitet, sind nun aber schon lange in-house beschäftigt. Was macht den Reiz aus?

Das sind die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten, Projekte vom Anfang bis zum Ende zu begleiten, mitzugestalten und Einfluss zu nehmen. Neben Großprojekten wie Traceability gibt es auch kleinere Beispiele wie unsere Fashion Shows. Auch da sind wir Juristinnen und Juristen stark eingebunden, etwa bei den Verträgen mit den Locations, mit Dienstleistern, Models und Celebrities, gegebenenfalls auch bei der Bewertung von Haftungsrisiken.

Einblicke …

 

War Ihr Berufswunsch schon immer Jurist?

Eigentlich wollte ich Englisch, Deutsch und Musik studieren und Lehrer werden. Die Aufnahmeprüfung in Musik sah aber zwingend vor, dass man zusätzlich zu einem anderen Instrument Klavier spielen können muss. Ich finde es ja in Ordnung, dass das am Ende des Studiums der Fall sein sollte, aber wieso davor? Da erinnerte ich mich an meine Tante, die Jura studiert hatte, dann aber immer etwas anderes gemacht hat, beim Theater, beim Fernsehen, beim Film. Während des Studiums fing mir die Juristerei aber an, Spaß zu machen.

 

Wenn wir Sie nicht bei der Arbeit antreffen, wo dann? Was machen Sie gerne in der Freizeit?

Entweder begegnet man mir im Proberaum – ich bin Teil der „Backstreet Boss“, unserer Unternehmensband, spiele da Bass und singe Backing Vocals – beim Sporttreiben, bei einem Sportevent oder bei einem Konzert. Ich bin gerne mit meiner Familie zusammen, ich habe zwei Jungs im Alter von elf und sieben. Wir haben Dauerkarten bei Schalke 04. Ich bin live beim Super Bowl in Las Vegas dabei – und kann nur gewinnen: Ich selbst bin Fan der San Francisco 49ers, Patrick Mahomes von den Kansas City Chiefs ist das Testimonial der Marke BOSS in den USA.

 

Welche Musik hören Sie gerne?

Meine Leidenschaft gehört dem Punkrock. In Las Vegas werde ich ins Punkrockmuseum gehen und im Sommer wie jedes Jahr eine Woche in Slowenien das Festival Punkrock Holiday besuchen.

 

Was ist Ihre bevorzugte Literatur?

Leider komme ich nur in den Ferien und auf Langstreckenflügen wirklich zum Lesen. Dann greife ich unbedingt zu einem Krimi, im Flugzeug mache ich das sogar lieber als einen Film anzusehen. 

 

Den perfekten Tag gibt es nicht. Wie sieht denn der nahezu perfekte Tag für Sie aus?

Ich schlafe so lange, bis ich aufwache, es weckt mich kein Wecker und auch sonst niemand. Nach dem Frühstück würde ich etwas lesen, dann Tennis oder Fußballspielen. Danach kommt ein Schalke-Sieg live im Stadion. Den Tag beschließt dann eine Bandprobe oder ein Livekonzert.

Kurzvita

Dr. Nikolai Vokuhl arbeitete zu Beginn seiner Karriere gut vier Jahre als Associate bei Freshfields Bruckhaus Deringer. Für weitere knapp viereinhalb Jahre war er im Anschluss Corporate Legal Counsel bei der Amazon Deutschland Services GmbH. Danach folgte die erste Anstellung als General Counsel und Leiter Recht – bei der Firma Windeln.de SE. Im März 2019 kam der Sprung zur HUGO BOSS AG in Metzingen, zunächst als Group General Counsel und Senior Vice President Legal, ab Juni 2022 dann in veränderter Position als Group General Counsel, Chief Compliance Officer sowie Senior Vice President Legal & Compliance. Studiert hat Vokuhl an der Christian-Albrechts-Universität Kiel und an der University of California. Promoviert hat er an der Bucerius Law School.

Beitrag von Alexander Pradka

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