Am Freitag frei

New Work kann auch ein Umdenken in Bezug auf die Arbeitszeiten bedeuten, so wie ab 1956 von 48 Arbeitsstunden auf die Fünf-Tage-Woche umgestellt wurde. Nun ist die Vier-Tage-Woche bereits in einigen Betrieben Realität. Mindestens die Debatte über das Arbeitsmodell der Zukunft dürfte eröffnet sein. Ein paar juristische Fallstricke gibt es allerdings auch.
vom 3. April 2022
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Drei Tage Wochenende und vier Tage arbeiten. Für viele Menschen ist das sehr attraktiv. Wenn die Kollegin allerdings schon am Donnerstag ins Wochenende startete, zog sie bisher oft auch den Neid derer auf sich, die noch einen Tag länger arbeiten (müssen). Diese vergaßen dann gern, dass damit auch nur eine Bezahlung für vier Tage verbunden war.

 

In Großbritannien ist dies in 70 Unternehmen seit Kurzem anders: Mehr als 3.300 Beschäftigte haben dort begonnen, eine Vier-Tage-Woche ohne Lohnkürzung zu arbeiten. Das Pilotprojekt läuft sechs Monate und basiert nach Angaben des Weltwirtschaftsforums auf dem 100-80-100-Modell: 100 Prozent Gehalt für 80 Prozent der Zeit im Austausch für die Verpflichtung, 100 Prozent produktiv zu bleiben. Begleitet wird das Projekt von Forschern der Cambridge University, der Oxford University und des Boston College: Sie sollen die Auswirkungen auf Produktivität und Lebensqualität bewerten, die Ergebnisse werden 2023 veröffentlicht.

 

Die belgische Regierung hat zwar ebenfalls vor einigen Monaten eine Vier-Tage-Woche beschlossen. Allerdings wird im Nachbarland nicht etwa kürzer gearbeitet, sondern Arbeitnehmer sollen die Stunden an vier statt bisher fünf Tagen leisten können. Initiativen und Projekte dazu gab oder gibt es aber auch in Ländern wie Island, Neuseeland, Japan, Spanien, Schweden und den USA.

 

In Texas gibt es die Vier-Tage-Woche aufgrund von Lehrermangel sogar an einigen Schulen. Seit der Ankündigung der Umstellung auf eine Vier-Tage-Woche würde die Zahl der Bewerbungen bei gleichen Gehältern deutlich ansteigen – so berichtet es der Fernsehsender CBS.

 

In Kalifornien wollte man kürzlich sogar noch einen Schritt weiter gehen: Parlamentarier der Demokratischen Partei des Bundesstaats legten einen Gesetzesentwurf für eine Vier- Tage-Woche mit 32 Wochenarbeitsstunden vor, die für alle Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern eingeführt werden sollte – ohne Gehaltseinbuße. Im Gegenteil, wer mehr arbeitet, würde mit mindestens dem 1,5-fachen des regulären Lohnsatzes des Arbeitnehmers entschädigt. Allerdings wurde der Vorstoß vom zuständigen Ausschuss abgelehnt.

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„Wir glauben daran, dass die 40-Stunden-Woche beziehungsweise Fünf-Tage-Woche ein veraltetes Modell ist.“

Patrick Zimmerman, Mitgründer und Geschäftsführer, Knowhere

FALLBEISPIEL BIKE CITIZENS

 

Erste Projekte gibt es aber auch im deutschsprachigen Raum. So hat Bike Citizens, ein junges Unternehmen mit Hauptsitz in Graz sowie Büros in Wien und Berlin, das eine Fahrrad- App samt Smartphone-Halterung entwickelt hat, bereits vor acht Jahren: „2014 ist ein Mitarbeiter an unseren damaligen CEO herangetreten und hat von einem kanadischen Unternehmen erzählt, dass die Vier-Tage-Woche eingeführt hat, berichtet Paula Hofstätter, Assistentin der Geschäftsführung. „Im deutschsprachigen Raum waren wir dann eines der ersten Unternehmen, das diesen Schritt gewagt hat.“ Reduziert wurde die Wochenarbeitszeit allerdings nur von 38,5 auf 36 Stunden. Prinzipiell ist dabei vorgesehen, dass alle der derzeit 30 Mitarbeiter ihre Arbeit von Montag bis Donnerstag erledigen können. „In Ausnahmefällen ist es aber auch möglich, freitags auch noch zu arbeiten wenn dies denn notwendig ist“, berichtet Hofstätter. „So ist das auch in unseren Gleitzeitvereinbarungen vorgesehen.“ Das soll allerdings nicht zur Regel werden.

 

Juristische Hindernisse habe es durch die Umstellung nicht gegeben: „In Österreich durfte damals die tägliche Arbeitszeit zehn Stunden nicht überschreiten, hier gab es also nie ein Problem“, erklärt Hofstätter. „Aktuell ist es ja sogar so, dass die tägliche Arbeitszeit zwölf Stunden nicht überschreiten darf.“ Insgesamt wollten die Mitarbeiter die Vier-Tage-Woche nicht mehr missen: „Es ist schön zu sehen, wie die zusätzliche freie Zeit unterschiedlich genützt wird – egal ob beim Radfahren in freier Natur, mehr Zeit mit der Familie, um sich für wohltätige Zwecke zu engagieren oder am Freitagmorgen in einem leeren Fitnessstudio zu trainieren – und natürlich steigert das auch die Zufriedenheit und Kreativität jedes einzelnen“, unterstreicht Hofstätter. Auch die Kunden hätten durchweg positiv reagiert.

FALLBEISPIEL BITWINGS

 

Zwar von 40, allerdings auf 36 Stunden reduziert hat das ITSystemhaus Bitwings aus Neumarkt in der Oberpfalz, das mit seinen insgesamt 15 Mitarbeiter einen Umsatz von circa zwei Millionen Euro erzielt. Zunächst befristet für sechs Monate wurde ab Juni vergangenen Jahres die Vier-Tage-Woche – bei gleichem Lohn – getestet. „Wir haben uns für die Reduktion auf 36 Wochenstunden entschieden, weil sich diese bei vier Arbeitstagen gut aufteilen lassen und uns vier Stunden weniger bei vollem Lohnausgleich genug erschienen“, erläutert Geschäftsführer Wolfgang Geng auf Nachfrage die Entscheidung. Die Teilnahme war freiwillig: „In der ersten Pilotphase hat sich lediglich ein Mitarbeiter dafür entschieden, das „alte“ Modell weiterhin zu nutzen“, so Geng. In der zweiten Pilotphase, die bis Ende des ersten Halbjahres 2022 andauern soll, sind nun alle Mitarbeiter dabei. „Unser Ziel ist es, die Vier-Tage-Woche dauerhaft bei Bitwings einzuführen. Allerdings müssen dafür auch die Zahlen passen. Das ist das A und O“, sagte der Geschäftsführer anlässlich der Verlängerung. Da die Erträge im zweiten Halbjahr 2021 zurückgingen – wobei allerdings unklar war, ob es an Corona oder der Vier-Tage-Woche lag – wurde das Projekt verlängert, um nach dem Ausnahmezustand der Pandemie einen längeren und repräsentativeren Zeitraum zur Auswertung zu haben. „Außerdem mussten wir feststellen, dass sich unsere Mitarbeiter auch erst an die Vier-Tage Woche gewöhnen mussten“, berichtet Geng. Im Monitoring lassen sich aber auch noch andere Zahlen auswerten: So ist etwa die Anzahl der Bewerbungen gestiegen. Auch die Kunden hätten durchweg sehr positiv reagiert. „Da sind oft so Fragen gekommen, wie ‚Habt Ihr noch eine Stelle frei?‘, berichtet Geng. „Das hat unsere Mitarbeiter natürlich zusätzlich motiviert.“ Überdies sei die Zahl der Krankentage trotz Pandemie gesunken.

 

Juristische Hürden habe es nicht gegeben, da die höhere Arbeitszeit von neun Stunden mit einem freien Tag/Woche ausgeglichen werde. „Im Schnitt überschreiten wir also die acht Stunden nicht und tagesweise erreichen wir auch keine zehn Stunden“, betont Geng. „Außerdem haben wir mittags immer eine Stunde Ruhepause.“

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„Wir mussten feststellen, dass sich unsere Mitarbeiter auch erst an die Vier- Tage Woche gewöhnen mussten.“

Wolfgang Geng, Geschäftsführer, Bitwings

„Ob Arbeitgeber eine Vier-Tage-Woche bei dem gewöhnlich erwarteten vollen Lohnausgleich gewähren können, ist eine vornehmlich wirtschaftliche Frage.“

Dr. Daniela Rindone, Rechtsanwältin und Counsel, CMS Deutschland

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FALLBEISPIEL: KNOWHERE

 

Im Gegensatz zu anderen Vier-Tage-Modellen will das Hamburger Softwarenternehmen Knowhere, das mit 25 Mitarbeitern und der KI-Chatbot-Lösung „MoinAI“ einen siebenstelligen Umsatz erzielt, ab August dieses Jahres die gesamte Arbeitszeit um acht Stunden reduzieren, sodass die Mitarbeiter von Montag bis Donnerstag acht Stunden arbeiten, und das bei gleichem Gehalt. Als freier Tag ist der Freitag festgelegt. „Wir glauben daran, dass die 40-Stunden-Woche beziehungsweise Fünf-Tage-Woche ein veraltetes Modell ist“, berichtet Mitgründer und Geschäftsführer Patrick Zimmerman. „Mit zunehmender Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen sind wir in der Lage in weniger Wochenstunden die gleichen Ziele zu erreichen. Und warum dies nicht durch Freizeit und einer besseren Work-Life-Balance den Mitarbeitenden zurückgeben?“

 

Ein weiterer Grund für die Vier-Tage-Woche sei laut Zimmermann die positive Positionierung als Arbeitgeber – einerseits zum Anwerben von Talenten, andererseits zur Erhöhung der Zufriedenheit der Mitarbeitenden: „Natürlich erhoffen wir uns auch im sehr umkämpften Arbeitsmarkt unsere Mitarbeitenden fester an uns zu binden und mit dem Alleinstellungsmerkmal der Vier-Tage-Woche ein Vorreiter moderner Arbeitskultur zu sein.“

RINDONE: ARBEITSRECHTLICHE ASPEKTE

 

Dass innovative Vergütungsformen und eine flexiblere Aufteilung der Arbeitszeit immer mehr und auch größere Unternehmen in Deutschland bewegt, kann auch Rechtsanwältin und Counsel im Geschäftsbereich Arbeitsrecht bei der Kanzlei CMS Hasche Sigle am Standort Köln, Dr. Daniela Rindone, bestätigen. Wichtig sei dabei zunächst die Frage nach der Arbeitszeit: „Viele haben die Vorstellung, einfach an vier Tagen statt an fünf zu arbeiten bei gleicher Arbeitsmenge und gleicher Stundenzahl.“ So sei es derzeit in Belgien vorgesehen: „Ob das am Ende tatsächlich Flexibilität und Erholung bringt, wage ich zu bezweifeln“, sagt Rindone.

 

Aus arbeitsrechtlicher Sicht sei eine Vier-Tage-Woche grundsätzlich möglich. „Allerdings ist das Arbeitszeitgesetz nur eingeschränkt hierfür ausgelegt: „Gemäß § 3 Arbeitszeitgesetz darf die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer acht Stunden nicht überschreiten. Das kann allerdings auf zehn Stunden mit entsprechenden Ausgleichszeiträumen ausgeweitet werden, sodass eine Arbeitszeit von 40 Stunden an vier Tagen für entsprechende Zeitspannen grundsätzlich möglich ist.“ Insbesondere bei aufwendigen Projekten und für Überstunden stößt man jedoch schnell an die Grenzen des Arbeitszeitgesetzes. Dadurch sei es in aller Regel erforderlich, nicht nur die Anzahl der Wochenarbeitstage, sondern auch die wöchentliche Arbeitszeit zu reduzieren. „Ob Arbeitgeber dabei eine Vier-Tage-Woche bei dem gewöhnlich erwarteten vollen Lohnausgleich gewähren können und wollen, ist eine vornehmlich wirtschaftliche Frage.“

 

Von einer umfassenderen Überarbeitung des Arbeitszeitgesetzes sei derzeit allerdings nicht auszugehen: „Im Koalitionsvertrag ist lediglich von Flexibilisierung und Experimentierräumen die Rede. Dabei wäre eine kritische Betrachtung des Gesetzes dringend erforderlich, um die werktägliche Höchstarbeitszeit und auch die Ruhezeit modernen Lebensund Arbeitsformen anzupassen. Wer beispielsweise. abends noch einmal arbeitet, muss am nächsten Tag gegebenenfalls später starten, um die geltenden Ruhezeitenregelungen einzuhalten. Wenn der Bezugszeitraum hingegen die Arbeitswoche wäre, könnte das etwas Druck rausnehmen.“

Claudia Behrend

Beitrag von Alexander Pradka

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