“Compliance ist integraler Bestandteil des Riskiomanagements”

Die Begeisterung, Dinge entstehen zu lassen, hat in Georg von Bronk den Wunsch geweckt, Architekt zu werden. Wegen der damals schwierigen Berufsaussichten für Architekten entschied er sich aber letztlich für die Juristerei, sagt er. Mit ihr hat er es weit gebracht: Seit gut achteinhalb Jahren ist er Head of Corporate Governance, Group General Counsel und Chief Compliance Officer der Hochtief AG.
vom 14. November 2022
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In-house Counsel: Abseits von der juristischen Tätigkeit waren Sie knapp fünf Jahre bei Hochtief für strategische Projekte und die Unternehmensentwicklung verantwortlich. Da haben Sie etwas vorweggenommen, was jetzt im Trend liegt: Rechtsabteilungen emanzipieren sich, In-house-Juristen werden in die strategische Entwicklung einbezogen.

Georg von Bronk: Wir müssen präzise sein, was die Begrifflichkeiten angeht: Den Trend, dass Unternehmensjuristinnen und -juristen nicht mehr diejenigen sind, die auf ihrem Sessel sitzend warten, dass andere Abteilungen sie konsultieren, sehen wir schon seit rund 15 Jahren. Dass Juristen im Übrigen in die strategische Unternehmensentwicklung eingebunden sind, würde ich auch nur sehr eingeschränkt bejahen. In Einzelfeldern mag das so sein, ich glaube aber, dass es sich vielmehr um eine Einbindung in das Risikomanagement eines Unternehmens handelt. Es geht um die frühzeitige Identifizierung aufkommender Risiken und um Antworten auf die Frage: Wie gehen wir damit um? Richtig ist, dass das Aufgabenportfolio immer größer wird. Außerdem wachsen Bereiche zusammen. Dass heute Recht und Compliance fast selbstverständlich zusammengehören, ist Ausdruck dieser Entwicklung. Und insbesondere der leitende Jurist muss verstehen, wie sein Unternehmen funktioniert, Prozessverständnis haben. Das war lange in unserem Beruf eine unterentwickelte Kompetenz. Heute ist sie Grundvoraussetzung dafür, verantwortungsvoll die Unternehmensrechtsberatung zu gestalten.


Inhouse-Counsel: Sie haben Compliance angesprochen, eines der wichtigsten Themen zurzeit am Rechtsmarkt. Gleichzeitig ist es ein Schwerpunkt Ihres beruflichen Wirkens. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?  

Georg von Bronk: Als ich seinerzeit angefangen habe, ging es noch um Wertgrenzen für Geschenke, um die Frage, wozu sich jemand einladen lassen darf, darum, dass Mitarbeitende nicht korrupt sind. Mit den Jahren ist die Bedeutung gewachsen: Compliance ist integraler Bestandteil des Risikomanagements. Es muss heute sichergestellt sein, dass Compliance in allen Unternehmensprozessen bis ins Detail verankert ist. Es ist außerdem keine statische Angelegenheit: Das Monitoring läuft immer und wir müssen sie stringent weiterentwickeln. Im Hinblick auf die Akzeptanz muss der Sprung gelingen vom Ansehen des Geschäftsverhinderers hin zum Ermöglicher, zu einem wertschaffenden Teil des gesamten Unternehmens. Bei Hochtief haben wir diese Wertschätzung erreicht.   


Inhouse-Counsel: Wie ist Ihnen das gelungen? 

Georg von Bronk: Es gibt hier kein Patentrezept. Es ist ein Mix unterschiedlicher Aspekte beziehungsweise Maßnahmen. Unabdingbare Voraussetzung ist und bleibt das klare Bekenntnis seitens der Unternehmensleitung, der tone from the top. Sie brauchen zudem eine Mannschaft, die Begeisterung für das Thema ausstrahlt und die wie bereits gesagt unternehmerisches Verständnis an den Tag legt. Mit diesem Verständnis geht das systemische Verständnis einher.


In-house Counsel: Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Themen, mit welchen beschäftigen Sie und Ihre Abteilung sich?

Georg von Bronk: Compliance ist ein dominierender Aspekt, auch aufgrund aktuell gesetzlicher Anforderungen, die sich z.B. aus Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und Hinweisgeberschutz ergeben. Daneben spielt ESG eine bedeutende Rolle. Das ist

eine interdisziplinäre Aufgabe. Damit gehen viele neue Dokumentations- und Reportingverpflichtungen einher. Wir stellen aber auch die Frage: Wie kann ich aus den Verpflichtungen eine Tugend machen und mich differenzierend im Wettbewerb positionieren? Dazu kommt die Digitalisierung und das Thema Personal. Das ist eine Herausforderung. Vor zehn Jahren kamen wir kaum dazu, Bewerbungen ordentlich

zu sortieren, heute rennen wir den Bewerberinnen und Bewerbern hinterher. Das gilt aber für alle, die Juristen brauchen.


In-house Counsel: Sie sprechen das Thema Fachkräftemangel an und den Wettbewerb. Wie überzeugen Sie Kandidatinnen und Kandidaten von der Tätigkeit für Ihr Unternehmen, wenn auf der anderen Seite Sozietäten exorbitante Startgehälter für Berufsanfänger zahlen?

Georg von Bronk: Wir haben viele Kolleginnen und Kollegen hier, die aus Großkanzleien kommen und dort nach dem Studium eine erstklassige praktische Ausbildung erlebt haben. Der Wechsel in das Unternehmen hat etwas mit der Work-Life-Balance zu tun, auch wenn den ein oder anderen die Erkenntnis erstaunt, dass wir hier auch keine 40-Stunden-Woche haben. Es ist aber eben keine Notwendigkeit der permanenten Verfügbarkeit oder der Anwesenheit in Nachtsitzungen gegeben. Viele möchten außerdem nichts mit der Akquise zu tun haben. Ein sehr wichtiger Punkt ist aber, dass Unternehmensjuristinnen und -juristen einen Fall vom Start bis zum Ende begleiten und nicht nur einen Ausschnitt erleben. Sie bekommen mit, welchen Einfluss ihre Arbeit hat und welche Auswirkungen sich für den Betrieb ergeben. Last but not least spielt die Identifikation mit dem Unternehmen und der Branche eine große Rolle.

 

In-house Counsel: Sie haben verschiedene Gesetze angesprochen. Wie beurteilen Sie die allgemeine Kritik, dass Regelungen oft zu unbestimmt und intransparent sind, was Unternehmen die Arbeit oft erschwert?

Georg von Bronk: Zunächst einmal ist es verständlich, dass eine gewisse Unsicherheit vorhanden ist – ob der Vielzahl an Regelungen, ihrer teilweisen Unbestimmtheit und der Frage, wie soll ein Unternehmen das umsetzen. Indes: die Selbstverpflichtung – zum Beispiel – hat nicht funktioniert. Und dass wir etwa im Zusammenhang mit der Klimakrise unglaubliche Probleme zu schultern haben, ist keine Frage mehr. Wenn wir hier auf EU-Ebene weitere fünf Jahre mit Feindefinitionen verlieren, ist es irgendwann zu spät. Wir müssen etwas tun. Rechtstechnisch ist es nicht perfekt, aber es manifestiert sich ein klarer politischer Wille, der auf breiten Konsens trifft und im Try-and-Error-Verfahren letztlich in Standards münden wird. Wir müssen eine Verbindlichkeit herstellen. Abgesehen davon bin ich überzeugt, dass jeder, der später kontrollierend auf die Entwicklung schaut, die Anfangssituation der Unternehmen berücksichtigen wird.  

EINBLICKE …

Persönliches

 

Inhouse-Counsel: Wenn man Sie nicht bei der Arbeit trifft, wo dann? Was machen Sie gerne in Ihrer Freizeit?

Georg von Bronk: Ich habe viele Hobbies, das wichtigste ist Fahrradfahren, weitere sportliche Aktivitäten sind Golfen und Segeln. Außerdem habe ich zwei Oldtimer, die immer Zeit kosten. Die Familie und Freunde haben einen besonderen Platz, seit einem Monat erfreuen wir uns an unserem zweiten Enkelkind.


In-house Counsel: Welche Musik hören Sie gerne?    

Georg von Bronk: Alles (lacht), von Bach über Beethoven, Billy Joel bis hin zu den Toten Hosen, die Palette ist wirklich breit. Letztere habe ich gerade erst wieder bei einem Konzert in Berlin gesehen und gehört.


In-house Counsel: Welches Buch lesen Sie gerade?

Georg von Bronk: Ich lese immer mehrere Bücher gleichzeitig, ein wissenschaftliches, ein politisches und eines zum Abschalten. Gerade beendet habe ich „Das Zeitalter der Unschärfe“ von Tobias Hürter. Das aktuelle politische Buch ist „Die Macht der Geographie“ von Tim Marshall. Ablenkung schaffen die Werke „Achtsam morden“ und „Das Kind in mir will achtsam morden“ von Karsten Dusse. Wer da auf Seite drei nicht lacht, hat keinen Humor! 


In-house Counsel: Den perfekten Tag gibt es nicht. Wie sieht denn ein nahezu perfekter Tag aus?

Georg von Bronk: Da müssen wir klar zwischen Berufs- und Privatleben unterscheiden. In den fast perfekten Arbeitstag starte ich mit einem festen Trainingsprogramm bestehend aus Yoga oder Einheiten auf dem Ergometer. Ich trenne recht klar zwischen Berufs- und Privatleben und lege überhaupt viel Wert auf disziplinierte, verlässliche und stringente Arbeit. Deswegen arbeite ich übrigens auch im Homeoffice an einem festen Arbeitsplatz und nicht im Gartenhaus – und schon gar nicht in Freizeitkleidung (lacht). Der fast perfekte freie Tag hingegen darf gerne weniger geplant verlaufen, etwa mit einer Oldtimerfahrt an einen See, Sonnenschein und einem guten Glas Wein, am besten einem Italiener aus der Region Chianti.   

Georg von Bronk

Seit 32 Jahren ist Georg von Bronk für Hochtief tätig. Für ihn gab es nie einen Grund zu wechseln. Ihn fasziniert die Branche, in der er tätig ist, hat Freude am Bauen, am Erschaffen und Gestalten. Er sieht gerne Gebäude und Projekte entstehen, wie diese wachsen. Mit gewissem Stolz blickt er auf fertiggestellte Häuser, die „ich mitgebaut habe, auch wenn ich nur die Verträge gemacht habe“, wie er mit einem Schmunzeln sagt. Hochtief sei die richtige Wahl für ihn, weil es einerseits ein international ausgerichtetes Unternehmen ist, andererseits nicht nur baut, sondern Baudienstleistungen erbringt und beispielsweise Autobahnen betreibt oder wie in Australien als Contract Miner fungiert. Das bringt sehr vielfältige Aufgaben für den Unternehmensjuristen und Head of Corporate Governance mit sich. Angefangen hat Georg von Bronk 1991 bei seinem Arbeitgeber – in einer Zeit, die nach dem Fall der Mauer von einer schier unendlichen Zahl an Bauaufträgen in Deutschland geprägt war. Hochtief habe es aber gerade da verstanden, seine internationale Präsenz stark auszuweiten und nicht allein auf die nationale Karte zu setzen. Das sei enorm vorausschauend gewesen. Von großem Wert war für von Bronk die Zeit außerhalb der Rechtsabteilung. Gut zwei Jahre agierte er als Leiter „Strategische Projekte“, 2,5 Jahre stand er der Zentralabteilung Unternehmensentwicklung der AG vor. Dort hat er verstanden, wie ein „Unternehmen jenseits des Rechtlichen funktioniert“. Dieses Verständnis sei sehr hilfreich für jeden, der als Unternehmensjurist tätig sein möchte.        

 

Das Interview führte Alexander Pradka

 

Beitrag von Alexander Pradka

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