„Wir Juristen haben bei der strategischen Entwicklung eines Unternehmens viel beizutragen.“

Martin Clemm ist nicht nur General Counsel der Software AG, er ist auch Vordenker und Visionär, wie sich unter Zuhilfenahme von Technik, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz die Arbeit im Rechtsbereich verändert – beziehungsweise verändern müsste. 20 Stunden zu arbeiten stört ihn dabei nicht, eine Minute unnötig zu arbeiten hingegen ganz massiv, wie er sagt. Auch deshalb beschäftigt er sich so intensiv mit Effizienzsteigerung.
vom 14. November 2023
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In-house Counsel: Beim Blick auf die Webseite der Software AG fällt sofort der Claim „Die vernetzte Welt einfacher machen“ auf. Was steckt dahinter?

Martin Clemm:

Wir treiben unsere Entwicklung dahingehend voran, der entscheidende Anbieter von Integrationstechnologie zu werden. Wenn wir uns mal auf die Datenebene begeben: Just im Oktober haben wir ein neues Produkt auf den Markt gebracht, das ein weit verbeitetes Problem adressiert. Die Kosten nicht verfügbarer Daten sind unglaublich hoch. Und das, obwohl im Zuge der Digitalisierung bereits viele Datenquellen erschlossen wurden. Es gibt aber Integrationsprobleme, Quellen ändern sich, Applikationen entwickeln sich weiter, die Schnittstellen müssen nachgehalten werden und in der Zwischenzeit sind Auswertungen nicht oder schwer möglich. Mit unserem neuen Produkt lassen sich die Daten jetzt überall bereitstellen und verknüpfen, unabhängig davon, wo diese herkommen. Künstliche Intelligenz unterstützt die Arbeit, sie denkt Integration mit. Das kann womöglich sogar eine disruptive Entwicklung sein, weil wir praktisch alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Lage versetzen, Datenquellen zu erschließen und Daten per Knopfdruck auszuwerten. Heruntergebrochen auf die Rechtsabteilung heißt das, wir führen alle Datenquellen in Echtzeit zusammen und ermöglichen deren dauerhafte Visualisierung.

 

Was bedeutet diese strategische Ausrichtung für Ihre Abteilung und Ihren täglichen Job?

Was den Vertrieb der Produkte angeht, machen wir das, was wir schon immer tun: Softwarelizenz- oder Cloudverträge schließen und das entsprechende Enablement auf der Kundenseite betreiben. Wir müssen uns die neuen Metriken und operative Prozesse ansehen. Im konkreten Fall heißt das: Wie steht es um die Data Governance und die Data Security, wie wird lizensiert? Wir sind im Interesse unserer Kunden in solche Prozesse involviert, damit diese eine sichere und vernünftige Compliance erzeugen können. Es heit aber auch, sich täglich mit Datenqualität zu beschäftigen. Meine Arbeit ist aktuell jedoch vornehmlich geprägt von der Übernahme durch Silver Lake. Ich begleite die Transformation, die in diesem Kontext angestrebt wird, auf  juristischer Ebene.

 

Generell bewegt sich die Rechtsabteilung heraus aus dem Elfenbeinturm hinein in die Interdisziplinarität. 

Heute darf ein Unternehmen von der Rechtsabteilung erwarten, dass sie ein sauberes Service Center aufbaut, das Self- und Managed Services im Kontext von Embedded Law anbietet. Das Business will möglichst wenig mit Recht zu tun haben, zumindest nicht da, wo es nicht zwingend notwendig ist. Das heißt, wir kümmern uns um Automatisierung, wir versuchen Low Touchpoint Services zu etablieren, damit Skalierbarkeit gegeben ist. Interdisziplinäre oder abteilungsübergreifende Tätigkeiten beziehen sich nicht mehr nur auf rechtliche Inhalte, sondernauch  auf Technologien, Prozesse, Daten und Datenverfügbarkeit. Die zweite große Veränderung liegt darin, dass wir in Bezug auf moderne Geschäftsmodelle und -umfelder bei der strategischen Ausrichtung eines Unternehmens einen wertvollen Beitrag leisten können und wollen.

 

Inwiefern verändern sich dadurch die Anforderungen an die Juristinnen und Juristen – sowie ihre Ausbildung?

Für jeden Job gilt erst einmal, dass derjenige den unbedingten Willen mitbringen muss, das zu tun, wofür er eingestellt wurde. Das heißt auch die Bereitschaft, mit der schnellen Entwicklung im professionellen Umfeld Schritt zu halten. Up-to-date zu bleiben bedeutet permanent lernen zu wollen, Interesse zu zeigen und Dinge kritisch zu hinterfragen. Ich glaube, dieses sehr grundlegende Hinterfragen ist im Rechtsbereich tatsächlich neu. Wir haben zwar unsere Fälle sorgsam analysiert und subsumiert, vor allem versucht, Probleme zu zergliedern, aber unsere gesellschaftlichen und rechtlichen Konzepte auf diese neue Zeit anzupassen, das ist eine neue Dimension der Fragestellung. Neben den klassischen Themen entsteht sehr viel Arbeitsbedarf in der gesellschaftlichen und öffentlich-rechtlichen Behandlung Künstlicher Intelligenz. Das Konzept „Brot und Spiele“ ist heute in digitaler Form greifbar, wenn wir an Metaverse, digitale Unterhaltung sowie Vernetzung denken. Die Technik wartet nicht auf uns Juristen. Das erfordert viele neue Regeln, die die sinnvolle Nutzung dieser Technologien möglich macht und nicht verhindert. Deshalb müssen sich Juristinnen und Juristen intensiv mit Technologie- und Integrationsthemen

owie mit Prozessen beschäftigen. Bei der Software AG sind wir in der Rechtsabteilung technisch so weit, dass wir – wenn wir mit dem Business oder mit der IT sprechen – in unseren Themenkreisen entscheidende inhaltliche Anregungen geben können, um wirklich gute Lösungen zu entwickeln, die weit über die frühere Zuständigkeit der Rechtsabteilung hinausgehen. Das ist eine Bringschuld, die Rechtsabteilungen heute obliegt.

 

Sie sprechen über neue Regeln. Im Grunde stöhnen Juristinnen und Juristen über die Vielzahl an neuen Richtlinien und Gesetzen beziehungsweise entsprechenden Vorhaben. Was sagen Sie zur sogenannten Überregulierung?

Wenn wir uns einzelne Gesetze ansehen in dem Kontext, in dem sie erstellt werden, sind diese als Insellösung meist gut nachvollziehbar. Nicht für gute Gesetzgebung halte ich allerdings, wenn Gesetze markt-, nutzer- oder praxisfern sind und Probleme nicht lösen, sondern erzeugen, die dann auch noch ungelöst im Raum stehengelassen werden. Fokussiert man sich aber auf die Summe an Gesetzen, ist die Regulierungsflut tatsächlich eine Herausforderung. Es gibt zu viele Einzelinitiativen und dabei gerät das Gesamtkonstrukt aus der Betrachtung. Dabei sind die Initiativen des Gesetzgebers nicht grundsätzlich falsch. Es ist lediglich eine Beobachtung, dass diese häufig nicht dergestalt zielführend funktionieren, wie es möglich und notwendig wäre. Außerdem bewegen sich gesetzgebende Instanzen und Unternehmen in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Letztere können sich nicht ewig mit einem Thema aufhalten. Wenn wir die Digitalisierungsthemen ansehen, die von der EU adressiert werden: Da sind wir deutlich hinter der Unternehmensrealität und der Abstand wird täglich größer.

EINBLICKE …

Persönliches

In-house Counsel: War Ihr Berufswunsch schon immer Jurist? 

Bei mir gab es drei Optionen, Jurist nach dem väterlichen Vorbild, Mediziner und Meeresbiologe. Ich habe mich entschieden, Jura zu studieren, weil ich wahrscheinlich meinte, mit meinem Vater klären zu müssen, dass ich es kann (lacht). Heute sind aus meiner persönlichen Situation heraus neue berufliche Präferenzen gewachsen, die mit der juristischen Umsetzung von Automatisierung und Digitalisierung zu tun haben. Da möchte ich schon lange nicht mehr tauschen.

 

Wenn wir Sie nicht bei der Arbeit antreffen, wo dann? Was machen Sie gerne in der Freizeit?

Ich habe eine Ehefrau und zwei 17-jährige Jungs, mit denen ich meine Freizeit verbringe, wann immer es die Arbeit und ihr Zeitplan erlaubt. Abgesehen davon übt Wasser seit jeher eine große Faszination auf mich aus. Ich tauche gerne, außerdem widme ich mich dem Fliegenfischen. Viel Kraft ziehe ich aus der Meditation und ich beschäftige mich mit der geistigen Seite von Yoga.

 

Welche Musik hören Sie gerne? 

Meine Jungs würden sagen, elendiglich schnulziges Zeug (lacht). Außerdem bin ich dem  Jazz verhaftet, früher habe ich selbst Saxophon gespielt. Und ich bin musikalisch in den 80ern und 90ern sozialisiert worden.

 

Was ist Ihre bevorzugte Literatur? 

Martin Suter vermag es Sätze zu schreiben, die mich freudig denken lassen, den Satz hätte ich gerne selbst geschrieben. Ich lese ich viele Sachbücher. „Inner Engineering“ von Sadhguru hat mich sehr fasziniert. Praktisch alles gelesen habe ich von Mo Gawdat, dem ehemaligen Chief Business Development Officer von Google X. Ich höre mit Freuden auch dessen wöchentlichen Podcast „Slo Mo“.  

 

Wie wir wissen, gibt es den perfekten Tag nicht.

Wie sieht denn der nahezu perfekte Tag für Sie aus?

Ich entziehe mich den digitalen Medien so weit wie möglich und treffe Menschen, sei es meine Familie, seien es Freunde. Beruflich freut es mich, wenn wir gordische Knoten lösen, gemeinsam an strategischen Themen arbeiten und ich in meinem Team Enthusiasmus und Spirit spüre und jeder seinen persönlichen Beitrag leistet.

Kurzvita

Martin Clemm war 13 Jahre in unterschiedlichen Funktionen und als Rechtsanwalt bei der 1997 gegründeten Berliner Alfabet AG angestellt. 2013 kaufte die Software AG das Unternehmen, er war für die Digitalisierung der Vertragserzeugung der Software AG zuständig und übernahm eine Rolle als Geschäftsführer der Alphabet GmbH. Von 2017 bis 2019 war Martin Clemm bei der Software AG als VP Corporate Counsel & Chief Digitization Officer Gobal Legal tätig. Mittlerweile ist er dort seit gut viereinhalb Jahren Senior Vice President Global Legal & General Counsel. Zu seiner Abteilung gehören 35 Mitarbeiter weltweit, in Deutschland sind es elf.

Beitrag von Alexander Pradka

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