„Man muss sich stets neu erfinden und bei all den neuen Entwicklungen am Ball bleiben, sonst bleibt man als Mitarbeiter oder Firma auf der Strecke“  

Seit 15 Jahren ist Sylvia Hess im Red-Bull-Konzern, seit einem Jahr Global Head of Legal für 
Marketing, Media, Data Privacy, und nunmehr auch AI. Dass sich der Energy-Drink-Produzent mit speziellem Marketingkonzept in Extremen bewegt, macht ihre Arbeit „unwahrscheinlich spannend und abwechslungsreich“, wie sie selbst sagt. Sich selbst sieht sie juristische 
Führungskraft mit Business Affairs Approach.
vom 16. Januar 2024
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Welche Themen bestimmen Ihren beruflichen Alltag?

Eines der neusten Themen mit dem wir uns derzeit intensiv beschäftigen, ist im Moment „Artificial Intelligence“. Auf der einen Seite ist unser Unternehmen sehr innovativ, so dass wir uns überall dort, wo es um IT und Technik oder wiederkehrende Prozesse geht; um unsere Websites, oder etwa um die Frage, wie taggen wir Inhalte, sehr intensiv damit beschäftigen, wie wir unter Nutzung von AI effizienter werden können. Ich bin ein großer Verfechter des Fortschritts und bin froh, in einem zukunftsorientierten Unternehmen zu arbeiten. Das Bemühen mancher, den Fortschritt aufzuhalten, wird nur dazu führen, dass Personen oder Firmen intellektuell, beruflich und im Wettbewerbsumfeld auf der Strecke bleiben. Wir sollten vor dem Einsatz Künstlicher Intelligenz keine Scheu haben – dabei aber die Risiken im Auge behalten. Red Bull produziert zum Beispiel eine große Menge an Content, der von sehr vielen Menschen wahrgenommen wird. Auf diesem Gebiet möchten wir keine Künstliche Intelligenz verwendet sehen, sondern authentisch bleiben. Diese Inhalte müssen daher unbedingt originär sein. Etwas anderes ist es, wenn ich z.B. künstliche Intelligenz dazu nutze, Untertitel in mehreren Sprachen zu übersetzen. Auch in der juristischen Arbeit ist die Nutzung von Generative AI ohne persönliche Kontrolle kritisch. Ich muss daher zusehen, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht anfangen und Vertragsklauseln von ChatGPT schreiben lassen, ohne sie mit Fachverstand zu kontrollieren – und dann verliert AI den Sinn. Die Rechtsabteilung ist in diesem Zusammenhang Teil einer abteilungsübergreifenden Projektgruppe im Unternehmen zu AI. Diese kommt regelmäßig zusammen und es wird diskutiert, wie wir Themen angehen möchten, worauf wir uns konzentrieren, wo wir das Thema intensivieren, wo wir es beschränken. Und es geht darum, mit wem wir möglicherweise kooperieren möchten.   

 

Wie steht es um die Themen ESG und Nachhaltigkeit als ein Teil davon?

Das sind beides wichtige Themen. Der Bereich Nachhaltigkeit ist bei Red Bull in den Fachabteilungen angesiedelt, die sich in Abstimmung mit Legal sehr intensiv mit den einzelnen Aspekten auseinandersetzen. Und das Thema ESG hat uns nicht nur in der deutschen Tochtergesellschaft beschäftigt, sondern aufgrund von Verträgen mit deutschen Lieferanten schon sehr früh auch international und in allen Bereichen.

 

Red Bull ist in 175 Ländern vertreten. Es kommen sehr viele Kulturen und damit auch Jurisdiktionen zusammen. Wie schaffen Sie es, diese alle unter einen Hut zu bekommen?

Wir beraten nur in wenigen Ländern nach nationalem Recht. Die USA ist eines davon, da Rechtsstreitigkeiten dort am teuersten sind. Daneben beraten wir viele Verträge nach europäischem Recht, meist in österreichischer oder deutscher Ausprägung.  Viele europäische Gesetze sind in anderen Ländern der Welt kopiert worden und so können wir z.B. in Südamerika im Datenschutz nach europäischem Recht beraten. Und mein UK-Team fungiert als Second Level Support für andere Common-Law-Länder, dazu gehören Südafrika, Indien, Australien und Neuseeland. Kanada wird aus USA mitberaten. Speziell in unseren Kerngebieten Marketing, Media, Datenschutz und AI funktioniert dieser Ansatz sehr gut. In ein paar umsatzstarken Ländern mit lokalen Besonderheiten, greifen wir auf externe Anwälte zurück, zum Beispiel in Japan. Zudem sind in meinem Team im Headquarter über 16 Nationen vertreten, was bei der Beratung im Rest der Welt hilft. Verträge sind bei uns zu 90 Prozent in englischer Sprache gehalten, und wir geben weltweite Master Templates meist in den drei großen Rechtsordungen vor, die dann wiederum teilweise lokalisiert werden, sollten sich weitere nationale Besonderheiten ergeben, auf die man nicht verzichten kann. Gegebenenfalls werden Spezifikationen in einen Vertrag aufgenommen. Im Falle neuer Business-Cases prüfen wir jeweils, ob wir aus dem Headquarter heraus neue Templates zur Verfügung stellen, um weltweit eine gleichgerichtete Vertrags- und Verhandlungspraxis sicherzustellen.

 

Sie haben den internationalen Vergleich. Wie beurteilen Sie die Arbeit der Gesetzgeber? 

Weltweit beobachte ich eine Tendenz zur Überregulierung. Compliance ist wichtig, aber aktuell ist die Welt so Compliance-lastig, dass wir wirklich aufpassen müssen, an der Wirtschaft vorbeizuregulieren. Gerade Europa muss schauen, inwieweit es sich selbst gegenüber anderen Märkten ausbremst. Was zum Beispiel Künstliche Intelligenz angeht, so sind andere Staaten, wie z.B. UK mit der Schaffung einer übergeordneten Behörde, die sich ganzheitlich des Themas annimmt, viel weiter als die EU, die einerseits sehr umtriebig ist,andererseits aber nur Teilbereiche bislang geregelt hat. Und bei den geplanten Regelungen gehen Vorschriften oft über das hinaus, was nötig wäre, um Fortschritt zu ermöglichen.

 

Sie haben als Frau eine steile Karriere hingelegt, sind damit aber eher die Ausnahme. Wie lassen sich mehr Frauen in juristische Spitzenpositionen bringen?

Ursprünglich war ich eine strikte Gegnerin der Quotenregelung. Heute denke ich, dass es vielleicht doch der richtige Ansatz ist, um überhaupt Frauen in den Unternehmen in Führungsverantwortung zu bekommen. Sie können als Vorbilder dienen und Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten zeigen, wie gut es funktioniert. Entscheidender ist aber, die Frauen durchgehend in den Jobs zu behalten, unabhängig von Nachwuchs oder nicht. Und da sind andere Länder in der Betreuungsfrage einfach weiter als Deutschland und Österreich. Kommen Frauen nach der Elternzeit zurück in den Beruf, dann meist erst einmal in Teilzeit. Im Vergleich zu den männlichen Kollegen oder kinderlosen Frauen geht ihnen damit weitere Berufserfahrung verloren. In meiner Abteilung haben wir schon viele Kinder „großgezogen“ und sehr viele Mütter sind sehr gut organisiert. Diejenigen, die weitergekommen sind, haben allerdings auch sehr viele Stunden gearbeitet und sind früh aus der Elternzeit wieder zurückgekommen.      

EINBLICKE …

Persönliches

In-house Counsel: War Ihr Berufswunsch schon immer Juristin? 

Ich bin aufgewachsen im Dreiländereck zu Frankreich und Luxemburg und wollte schon immer etwas Internationales machen. Geliebäugelt habe ich auch mit Journalismus. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich wahrscheinlich besser BWL studiert. Ich kann gut rechnen und Management liegt mir. Ich steuere die Dinge strategisch an und bin sehr gut strukturiert. Um das einzusetzen, hätte ich in einem BWL-orientierteren Job wahrscheinlich mehr Gelegenheit gehabt. Als Führungskraft werden diese Skills aber immer wichtiger und ich lasse das alles in meine aktuellen Aufgaben einfließen – nicht zum Nachteil meiner internen Mandanten (lacht).   

 

Wenn wir Sie nicht bei der Arbeit antreffen, wo dann? Was machen Sie gerne in der Freizeit?

Ich spiele sehr gerne Klavier und habe mir vor fünf Jahren einen richtig großen Flügel gekauft. Außerdem bin ich ein Wassermensch und liebe Segeln, Tauchen, Schwimmen. Klar gehe ich hier in Bayern auch in die Berge, anzutreffen bin ich aber eher am See.

 

Welche Musik hören Sie gerne? 

Ich höre meistens deutsche Liedermacher, französische Chansons und Musik aus den Achtzigern. Letzteres sagen wahrscheinlich alle in unserem Alter. Ab und zu gehe ich auch in klassische Konzerte.

 

Was ist Ihre bevorzugte Literatur? 

Ich lese gerne historische Romane. Wenn ich mich entspannen möchte, kann der Schmöker nicht dick genug sein. Ich liebe Bücher von Frank Schätzing. Es gehören aber auch Fachbücher dazu wie zum Beispiel „Playing to win“ von A.G. Lafley, Roger L. Martin und andere Managementbücher. Generell ist aber zu wenig Zeit zum Lesen vorhanden, in früheren Jahren habe ich noch mehr gelesen.

 

Den perfekten Tag gibt es nicht.

Wie sieht denn der nahezu perfekte Tag für Sie aus?

Beruflich gesehen gehört dazu, dass meine Beratung einen Unterschied gemacht hat, an dem ich etwas bewegt habe ‚Pace auf die Straße‘ gebracht habe. Das wird privat gekrönt von einem Essen mit Freunden, das ich im Idealfall selbst gekocht habe. Ich habe gerne das Haus voller Gäste, für die ich zuvor gerne stundenlang in der Küche gestanden habe. Und dann geht niemand nach Hause, weil es so nett ist.

Kurzvita

Zur Red-Bull-Familie gehört Sylvia Hess bereits seit 2009. Als Global Head of Legal sind ihr insgesamt rund 50 Personen unterstellt, davon acht in den USA und in UK. Begonnen hat ihre Karriere als Rechtsanwältin nach der juristischen Ausbildung und ihrer Arbeit an einem Lehrstuhl für Europarecht. Danach war sie als In-house-Juristin bei der Deutschen Telekom AG, bevor sie das Abenteuer als Geschäftsführerin der Christopher Filmcapital GmbH wagte. Sie agierte als Filmproduzentin und legte mit ihrer Firma Medienfonds in Deutschland auf. Fast acht Jahre währte dieser Lebensabschnitt, bevor sie für das Red Bull Media House und seine Tochtergesellschaften die Rechtsabteilung in vier Ländern aufbaute.

Beitrag von Alexander Pradka

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