„Dank unseres Regulatory Trackings sehen wir rechtlich früh, was kommt und werden nicht überrascht.“

Gut vier Jahre ist Andrea Weckwert mittlerweile Vice President Legal bei Coca-Cola Europacific Partners Deutschland. Die passionierte Arbeitsrechtlerin beschäftigt sich mit vielfältigen Themenfeldern, aktuell steht die Fußball-Europameisterschaft ganz oben auf der Agenda. Im Gespräch kristallisierte sich heraus: Sie denkt vorausschauend und will mit ihrer Abteilung vorbereitet sein auf das, was auf sie zukommt.
vom 17. Mai 2024
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Inhouse-Counsel: Sie haben vor Ihrer Zeit bei Coca-Cola auch in Sozietäten gearbeitet. Worin bestehen die Unterschiede?

Andrea Weckwert: Als Unternehmensjuristin erlebe ich immer, wie sich das, was wir gemeinsam erarbeitet haben, auswirkt. Ich bin Teil des Ganzen und erfahre, wie unser Beitrag zu der Entwicklung des Unternehmens beiträgt. Das habe ich in meinem Dasein als Anwältin vermisst, auch wenn die arbeitsrechtliche Beratung oftmals eine treue Mandantschaft prägt und man als ausgelagerte Arbeitsrechtsabteilung fungiert. Was mir umgekehrt anfangs fehlte, war die Tiefe bei der rechtlichen Analyse. In einer schlanken Rechtsabteilung, wie wir sie haben – ich arbeite mit vier Juristinnen und Juristen und zwei Paralegals zusammen, die auch Assistenzfunktionen wahrnehmen –, verlassen wir uns ab einem bestimmten Punkt auf die rechtliche Expertise externer Anwältinnen und Anwälte.

Sie arbeiten in einem großen und weltweit tätigen Konzern:
Wie funktioniert das Arbeiten in der Rechtsabteilung?

Wir agieren innerhalb einer Matrixorganisation und bündeln Fachexpertise in unseren Center of Excellence. Außerdem haben wir uns auf Standards verständigt, die für alle gelten. Nehmen wir das Beispiel Datenschutz: Wir wenden den höchstmöglichen Datenschutzstandard, den der EU, in sämtlichen Verträgen an. Das Gleiche gilt für Ehtic & Compliance oder den Code of Conduct. Um im Hinblick auf die Rechtsentwicklung schnell reagieren zu können, haben wir für bestimmte Themen sogenannte Regulatory Tracker aufgebaut. In dem Bereich arbeiten wir eng mit unseren Public-Affairs- und Communication-Teams zusammen. So sehen wir aus rechtlicher Sicht früh, was auf uns zukommt.

Wobei habe ich Sie gerade gestört, was liegt zurzeit auf dem Schreibtisch der Vice President Legal von Coca Cola Europacific Partners?

Aktuelles Kernthema ist die Vorbereitung auf die Fußball-Europameisterschaft, deren Partner für nichtalkoholische Getränke Coca-Cola ist. Die Themen sind sehr vielfältig. Beispielsweise geht es um die Frage, was rechtlich im Zusammenhang mit der Veranstaltung von Preisausschreiben möglich ist. Wie lässt sich das mit Kunden gemeinsam gestalten? Wie passt das alles zu den Statuten der UEFA? Außerdem leite ich zur UEFA EURO 2024 das Krisenteam in Deutschland und zeichne verantwortlich für den Aufbau des Krisenstabs, die Organisation der Kommunikationskanäle und das Krisenmonitoring. Vorneweg geht es auch darum zu definieren, was eine Krise ist und die Mitarbeitenden dahingehend zu schulen. Auf Compliance-Ebene beschäftigen wir es etwa damit, wen wir unter welchen Voraussetzungen einladen dürfen. Wir müssen sicherstellen, dass alles transparent erfasst ist und die Genehmigungsschleifen eingehalten werden.

Welche Themen außerhalb der EM beschäftigen Sie noch?

Seit Mitte des letzten Jahres begleitet uns die Europäische Verpackungsverordnung. Es ist eine wichtige Frage, was künftig an Mehrwegquoten erwartet wird und wie der Zugriff auf recyceltes PET ausgestaltet ist. Uns beschäftigt, ob die Lebensmittelindustrie ein Erstzugriffsrecht erhält, aktuell ist das nicht der Fall, dadurch ist es schwierig, ausreichend Material zu erhalten. Sehr lange bestand auch die Frage, ob unser deutsches Rücknahmesystem modifiziert weren muss, oder ob die EU-Kommission davon Abstand nehmen will und ein einheitliches europäisches Rücknahmesystem einführt. Außerdem haben wir es als Legal-Businesspartner für unsere Commercial-Abteilungen permanent mit rechtlichen Fragestellungen in diesem Bereich zu tun. Das heißt wir unterstützen Vertragsverhandlungen, dazu gehören auch praktische Angelegenheiten wie die Entwicklung rechtlicher Q&A oder konkrete Projektpläne für Preisverhandlungen. Wir versuchen immer, alles Mögliche im Voraus zu denken – was könnte passieren und wie reagieren wir am besten darauf? Und dann gibt es noch das Kartellrecht. Da beobachten wir gerade, dass die Behörden vor allem kartellrechtliche Fragen rund um das Arbeitsrecht auf der Agenda stehen haben. Da möchten wir vorbereitet sein und auch die damit beschäftigten Kolleginnen und Kollegen trainieren.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Gesetzgeber auf europäischer und nationaler Ebene – gerade wenn Sie an die Branche
denken, in der Sie tätig sind?

Fühlen Sie sich mit Ihren
Anliegen gehört? Wir sind in Verbänden organisiert, die sich einbringen und an der Stelle fühlen wir uns gehört. Wir entwickeln aber auch selbst Strategien, um ins Gespräch zu kommen. Wir haben einen politischen Barabend ins Leben gerufen, auf dem wir mit Politikerinnen und Politikern zusammenkommen und auch kontroverse Themen diskutieren. Ein solches ist zum Beispiel das Werbeverbot für zucker-, fett- und salzhaltige Lebensmittel zum Wohle der Kinder. Hier fehlt im derzeitigen Entwurf eine ausreichende Konkretisierung des Begriffs. Überspitzt könnte man sich die Frage stellen, ob bereits das Aufstellen eines Coca-Cola-Sonnenschirms Werbung darstellt, die künftig unzulässig ist, weil das Kind das Logo erkennen könnte. So weit will der Gesetzgeber wahrscheinlich nicht gehen. Erreichen wir immer alles, was wir uns wünschen? Nein. Die größte Herausforderung ist die hohe Geschwindigkeit neuer Regulierungen insbesondere auf europäischer Ebene. 

Legal Tech und Artificial Intelligence sind Themen, die mittlerweile auch den Rechtsmarkt erreicht haben und in der Diskussion stehen. Wie gehen Sie damit um?

Noch haben wir aktiv nichts im Einsatz. Infolge unseres Wachstums führen wir gerade ein weltweites Contract Lifecycle Management System ein. Auf die damit verbundene Transparenz im Vertragswesen freue ich mich schon sehr, das wird definitiv eine Arbeitserleichterung mit sich bringen. Außerdem erhoffe ich mir viel von Künstlicher Intelligenz, wenn sie erst richtig etabliert ist. Wir werden dazu in Kürze einen Prompting-Workshop durchführen, um unsere Möglichkeiten zu entdecken. Insbesondere im Bereich Regulatory Tracking sehe ich ein wichtiges Einsatzgebiet für KI. Es wäre eine immense Arbeitserleichterung, wenn eine KI-Lösung da eine Art Radar über viele verschiedene Jurisdiktionen hinweg zur Verfügung stellen könnte – es ist zurzeit sehr mühsam, alles selbst zusammentragen zu müssen. Insgesamt sehe ich in der Nutzung von KI große Chancen für die Rechtsabteilung.

Einblicke …

War Ihr Berufswunsch schon immer Jurist?

Meine Eltern hatten ein kleines Bauunternehmen und ich wollte ursprünglich Bauingenieurin werden. Ich habe auch mit dem Bauingenieurstudium begonnen, das hat leider mit meinen mathematischen Fähigkeiten kollidiert. Mein damaliger Partner war Jurastudent – er hat meine Matheaufgaben gelöst und ich habe ihm dafür bei juristischen Fragestellungen geholfen. Da dachte ich, vielleicht sollte ich das tun, was ich gut kann und begann mit dem Jurastudium. Ich habe den Schritt nie bereut, das ist der richtige Beruf für mich.  

 

Wenn wir Sie nicht bei der Arbeit antreffen, wo dann? 

Was machen Sie gerne in der Freizeit?

Zurzeit ist es so, dass sie mich vor oder nach der Arbeit, wenn es die Lichtverhältnisse zulassen, im Wald finden. Während der Pandemie habe ich mir einen Kindheitswunsch erfüllt und einen Hund zugelegt und der hat den Wald in mein Leben zurückgebracht. Es ist ein mittelgroßer Pudel, ein sehr intelligentes Tier, der viel intellektuellen Input braucht und ausgelastet sein will.  

 

Welche Musik hören Sie gerne?

Ich höre alles Mögliche. Was mich zuletzt sehr begeistert hat: Ich war in der Berliner Columbiahalle und habe die Wiener Band „Bilderbuch“ live miterlebt. Sie macht tolle Musik und erfindet sich mit jedem Album neu. Es ist herausfordernd, aber auch vielseitig. 

 

Was ist Ihre bevorzugte Literatur?

Gerade habe ich „Die Enkelin“ von Bernhard Schlink gelesen, das mochte ich sehr. Das hat mir einen Blickwinkel auf die Gesellschaft eröffnet, den ich vorher in dieser Tiefe nicht hatte. Von ihm habe ich auch viele andere Werke gelesen. Außerdem haben mir von Ewald Arenz „Alte Sorten“ und „Der große Sommer“ gefallen. 

 

Den perfekten Tag gibt es nicht. Wie sieht denn der nahezu perfekte Tag für Sie aus?

Beruflich ist der fast perfekte Tag geprägt durch crossfunktionale Zusammenarbeit an Business-Themen, durch die gemeinsame Arbeit im Team. Privat prägt ihn der Waldspaziergang, die Sonne kommt durch, ich sehe die ersten Knospen am Baum und freue mich, dass es Frühling wird. 

Kurzvita

Andrea Weckwert hat in Berlin Rechtswissenschaften studiert und dort auch das Zweite Staatsexamen abgelegt. Aus einem Elternhaus kommend, das selbst Arbeitgeber war, faszinierte sie von jeher das Arbeitsrecht, auf das sie sich auch spezialisierte. Nach dem Berufsstart bei der Lebenshilfe gGmbH war sie gut drei Jahre in Sozietäten beschäftigt, zunächst bei Linklaters, dann bei Pusch & Partner Anwälte für Arbeitsrecht. Von 2007-2011 arbeitete sie als Justiziarin für Arbeitsrecht bei der Vitanas GmbH & Co. KGaA. Seit nunmehr fast zwölfeinhalb Jahren ist sie für Coca-Cola Europacific Partners tätig, zunächst als Head of Labour Law, dann als Director Industrial Relations and Labour Law, aktuell als Vice President Legal.

Beitrag von Alexander Pradka

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